Unsere Musterbrecher-Überzeugung

  • Eine Organisation wird schlank, wenn man verschwenderisch in ihre Menschen investiert.

  • Moderne Führung übt sich meisterhaft im Weglassen klassischer Instrumente.

  • Nichts und niemand verändert sich durch Appelle, Incentives und Druck.

  • Es ist klug, die Logik von Systemen zu verstehen. Weniger klug ist es, nach Schuldigen zu suchen.

  • Musterbrechende Führung konzentriert sich zu 80 Prozent auf die Arbeit am System.

  • Haltungen können sich nur durch Experimente verändern – und nicht durch Projekte.

Unmöglich einzigartig

Geschrieben von Stefan Kaduk am .

Mit dem Einzigartigen ist es so eine Sache. Alle wollen es sein, einmalig, unverwechselbar. Heutzutage sind Begriffe wie »Mittelmaß« oder »Durchschnitt« wohlwollendere Bezeichnungen für diejenigen grauen Mäuse, die es nicht verstanden haben, sich ein »Alleinstellungsmerkmal« zu erarbeiten. Es ist wohl nicht ganz zufällig, dass sich das entsprechende Vokabular der Vermarktung in eigener Sache aus dem Marketing-Deutsch speist. »Werde Deine eigene Brand«, so oder ähnlich lauten einschlägige Seminarangebote. Und von jedem Werbeplakat werden wir inflationär angebrüllt: »Sei ganz Du selbst!«.

Doch das Streben nach dem Besonderen kann zu einem paradoxen Unterfangen werden. Nämlich genau dann, wenn es plötzlich alle tun, oder präziser gesagt: wenn es alle nach demselben Schema tun. Dann haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das der Philosoph Norbert Bolz vor Jahren bereits als uniforme Non-Konformität bezeichnet hat. Was für ein wunderbarer Begriff! Man denke etwa an Künstler, die fast alle vorhersagbar und berechenbar allesamt so gleichförmig anders gekleidet sind, wie man das erwarten darf. Der Fotograf Ari Versluis zeigt in seinem 1994 gestarteten Projekt Exactitudes® eindrucksvoll auf, wie austauschbar das Singuläre ist – und wie hoffnungslos der Versuch sein muss, es für sich zu reklamieren. Versluis porträtiert weltweit Menschen, die sich – in dem Fall bezogen auf ihren »Style« – ihrer Individualität sicher sind.Als Betrachter muss man schmunzeln angesichts der gnadenlosen Aneinanderreihung von vermeintlichen Individualitäten, die genau dadurch zu einer uniformen Masse werden.

Es geht keinesfalls darum, den Versuch schlechtzureden, eine klare persönliche Haltung einzunehmen und »sein Ding zu machen«. Die spannendsten Menschen, mit denen man privat oder geschäftlich Kontakte pflegt, tun bekanntermaßen genau das. Was jedoch auf die Nerven geht, sind die mit großer Aufgeregtheit verfolgten Strategien, das Anderssein zu dokumentieren. Wie albern sind zum Beispiel Manager, die sich zum Abend-Workshop ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Rebell« überziehen?

Interessanterweise sind diejenigen Menschen, die wir in unserem Forschungsprojekt »Musterbrecher« seit 2001 porträtieren und begleiten, auf solche vordergründigen Aktionen nicht angewiesen. Sie verfügen über etwas, was wir »leisen Mut« nennen. Und das ist genau der souveräne Gegenentwurf zu inszeniertem Rebellentum. Er funktioniert im Zweifel sogar mit Krawatte, die allerdings inzwischen auch schon ein Zeichen von Non-Konformität sein könnte. Ach, wir kommen aus dieser Nummer einfach nicht raus ….

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